Das 11. Gebot: Du sollst Elvis nicht als Rechtfertigung für den Konsum fragwürdigen Obstes missbrauchen

Auf den ohnehin überschätzten Sonnenaufgang warten. Es ist Juli, es regnet also. Ich höre Elvis. Auch das noch. Er ist jetzt schon fast 35 Jahre tot und hat sich sicher inzwischen gut dort eingerichtet, das ist tröstlich. Bananensandwiches mag ich übrigens nicht. Bananen sind mir generell zuwider. Ihre Konsistenz überfordert mich. Manchmal esse ich trotzdem welche, wegen der Vitamine, aber nur, wenn sie fast noch grün sind, also bestimmt noch gar keine Vitamine enthalten. Anderen erlaube ich es allerdings nicht, in meiner Gegenwart Bananen jeglichen Reifestadiums zu konsumieren, weil die Essgeräusche bei Bananen welche von der besonders widerwärtigen Sorte sind und seien wir ehrlich, so mancher Zeitgenosse isst schon ohne Bananen eklig genug. Als Allround-Ästhet verkrafte ich das oft nicht gut. Mein lustich Gehirn liefert zudem oft ungefragt Bilder zu Geräuschkulissen. Äße nun mein Gegenüber eine Banane, würde ich im Geiste sehen, wie die Banane in der Mundhöhle mit Speichel benetzt würde und Aggregatzustände wechselte. Im Inneren der Banane befände sich eine derbe angegammelte Stelle, von der der arglose Bananenesser nichts ahnt. Das kommt davon, wenn man gefleckte Bananen frisst, die schon fast alkoholisch gären. Das sieht auch nicht gut aus. Im Mund würden sich auch noch Reste vom Mittagessen tummeln, weil das alte Schwein sich nicht vorschriftsmäßig nach der Mahlzeit die Zähne geputzt hätte. Es hätte mit Spinat gefüllte Putenbrust gegeben, ausgerechnet. Mit Tomatensalat. In den zerklüfteten Backenzahnoberfächen befänden sich Tomatenkörnchen mit noch grünem Glibber dran, das Mittagessen wäre noch nicht lange her, der Glibber wäre also noch nicht vollständig von übelriechenden Bakterien zersetzt worden. Zwischen den Schneidezähnen hinge etwas Spinat, das geht ja noch, das ist menschlich. Die Zunge würde nun den Bananenmansch ungelenkt durch die Gegend balgen und dabei Putenrückstände und Tomatenreste aus der Kauleiste lösen, eine unschön bahamabeigefarbene Melange entstünde. Das möchte ich alles nicht. Dasselbe gilt eigentlich für viel Obst, Nektarinen klingen auch nicht gut, ihre Konsistenz ist allerdings erfrischend unproblematisch. Äpfel nerven nur. Ich gehe jetzt davon aus, dass jeder, dem ich es zutraue, das hier gelesen zu haben, sich nicht anschicken wird, in meinem Beisein fragwürdiges Obst einzunehmen. Alles andere muss ich als offene Kriegserklärung werten. Wer sich durch meine Bananenaversion nun ermuntert fühlt, Herrn Freud zu bemühen, dem sei als kleines Schmankerl mit auf den Weg gegeben, dass ich überdurchschnittlich oft von Zügen, Schlangen und französischem Weißbrot träume. Verzwickte Angelegenheit. Eines dieser Motive habe ich sogar in jugendlichem Überschwang in meinen Astralkörper eingravieren lassen. Wäre ich relevant, würde die BILD morgen berichten, dass ich mir mit 13 von einem 55jährigen Mithäftling nahe der tschechisch-polnischen Grenze mit einem rostigen Nagel ein Weißbrot aufs Gesäß tätowieren ließ. Lernt von den Großen. Dass eine engelsgleiche Erscheinung wie uns Elvis zu derartigen Widerwärtigkeiten wie exzessivem Bananenkonsum fähig war, verkraftet man jedenfalls kaum. Und damit nicht genug, ach, ach. Herr Warhol provozierte mich seinerzeit mit voller Absicht (lange Geschichte), indem er die Banane untrennbar mit einem meiner Lieblingsalben verband und ist damit natürlich, da ist sich die Fachwelt einig, deutlich übers Ziel hinausgeschossen. Auf dem Grabe der Factory tanzen die Bananen sozusagen Flamenco. Er hätte ja auch jedes andere Obst nehmen können, Kirschen zum Beispiel, vielleicht hätten die sogar gerade Saison gehabt, man sollte ja ohnehin öfter regional kaufen. Da Herr Warhol zur Sturheit tendierte und ich mich in dieser Angelegenheit zum wiederholten Mal (lange Geschichte) als der größere Mensch erweisen wollte, habe ich ihm diesen Fauxpas inzwischen verziehen. Der Mann hatte ja genug eigene Probleme.

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Schiller, Coney Island und ein Mann mit pechschwarzen Haaren

Schiller, Coney Island und ein Mann mit pechschwarzen Haaren

6. Juni 2012. 4 Uhr 33. Auf meinen Knien, auf einer lächerlichen Feinstrumpfhose, die ich aus irgendwelchen Gründen zutiefst akzeptabel finde, liegt eine abgeranzte Ausgabe der Zeitschrift „Jugend“ von 1905. Ich zerrte das Exemplar aus einem Stapel muffeligem Tand und Plunder in einem versifften Antiquariat mitten im aufrührerischen Studentenmoloch Tübingen. Der Herr Schiller blickt vom Cover der Zeitschrift in das Jahr 2012. Aber das weiß er nicht. Das hat mich amüsiert, ich kaufte das Ding also. 22 Seiten. 10 Seiten Werbung. 1905. „Lohse’s Lilienmilch-Seife, zu erstehen bei Gustav Lohse, Jägerstrasse 46, Berlin.“. „Waschen Sie sich den Kopf mit Shampoon. Shampoon ist mit Veilchen parfümiert.“ Die Jugend von 1905 ist mit Lilien und Veilchen parfümiert. Die Jugend von 1905 duftet gut. Meine Uroma wurde 1905 geboren. Vielleicht roch sie auch nach Veilchen und Lilien, während ihrer Jugend, als sie einen groß gewachsenen Mann mit pechschwarzen Haaren kennenlernte, als sie ihn heiratete und Kinder bekam, als der Mann in den Krieg ging, als sie den Rest ihres 87 Jahre dauernden Lebens dafür betete, er möge eines Tages wieder zurückkehren, ohne vom Glauben an einen gütigen Gott abzufallen, der sicher Gründe dafür hat, die Jugend mit Veilchen und Lilien zu parfümieren, damit sie sich in den Duft der pechschwarzen Haare eines groß gewachsenen Fremden verliebt, an dessen imaginärem, namenlosen Grab sie stehen kann, wenn gerade nichts im Fernsehen läuft, das noch nicht einmal erfunden ist. Meine Jugend brachte mir keinen Ehemann. Mein Ehemann wäre nicht in den Krieg gezogen. Verschenkte Chancen.
„Sorgen Sie stets für eine geregelte Verdauung. Flatulin-Pillen. So spricht der Arzt.“ Gesundheit ist wichtig. Schönheit ist wichtiger. „IDEALE BUESTE erzielt man in 2 Monaten durch orientalische Pillen, die einzigen, welche ohne der Gesundheit zu schaden die Entwicklung und die Festigkeit der Formen der Büste bei der Frau sichern. RATHIE, apoth. 5, pass.Verdeau, Paris. Schachtel 5.30 franko.“ Man hatte noch Stil damals, man kaufte bruststraffende Kosmetik aus Paris. „Sommersprossen entfernt nur Creme Any in wenigen Tagen. Es wird Sie nicht reuen!“ Natürlich nicht.
Was ist die Jugend wert? Die Jugend ist gesund und schön und stark. Die Jugend macht gute Soldaten. Soldaten. Soldaten. In Zweierreihen aufstellen. Marschieren. Töten. Heute wie damals. Die Jugend hat alle Möglichkeiten. Die Jugend kann unter Bäumen herumsitzen, die gibt es ja heute immer noch, sie kann in stereotyper Rebellion Hesse lesen und nach Verrichtung der Notdurft das Konterfei von Che Guevara auf Schulklowände kritzeln. Vorerst. Als Übung. Aus den Regularien der Schullaufbahn entlassen, weiser an Jahren und unvollendeten Romanzen, kann die Jugend mit einem Rucksack durch Nepal pilgern, weil man gerne mit dem Rucksack durch Nepal pilgert, aber sie kann auch mit demselben Rucksack durch Nebraska flanieren, weil niemand mit einem Rucksack durch Nebraska flaniert, sie kann nach Coney Island fahren, nur um einen Hot Dog zu essen wie Robert Mapplethorpe es immer gemacht hat, außer man ist Vegetarier, dann nicht, aber schauen kann man, ich weiß das. Die Jugend flaniert nicht durch Nebraska, die Jugend hat eine PlayStation. Die Hot Dogs gibt es neben Karstadt. Dort kann man auch gleich ein wenig ficken, wenn man schon da ist. Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah! Wäre dieser Satz nicht von Goethe, sondern von Schiller, hätte er sich geschmeidiger in diesen Text eingefügt, als subtile Anspielung auf das Zeitschriftencover, was von höchstens 0,2 % der Leser überhaupt registriert werden würde, weil kein Schwein sich heute noch mehr als 30 Sekunden lang auf das Lesen eines irrelevanten Textes konzentrieren kann, aber der Satz stammt unpassenderweise nicht von Schiller, sondern von Goethe, es ist also erfreulich egal, ob die Anspielung registriert wird oder nicht und selbst dieser erklärende Satz ist im Grunde seines Herzens auf brutale Art nutzlos und hätte in der 12. Klasse eines humanistischen, haha, Gymnasiums den Rotstift meines Deutschlehrers zu epileptischer Betriebsamkeit inspiriert.
Doch was macht die Jugend während wir uns hier lässig unterhalten? Die Jugend marschiert. Die Jugend formiert sich zur Armee. Die Jugend lernt, zu töten. Mit Blicken, mit Gedanken, mit Worten, mit Macht, mit Waffen. „Jaja“, sagt die Jugend. „Jaja“ heisst „Leck mich am Arsch.“ Die Jugend hasst. Die Jugend lernt im Idealfall, dass man den Kopf nicht zwangsläufig zum Denken benutzen muss, sondern hauptsächlich zum frisieren, weil man nicht erfolgreich ist, wenn man hässlich ist, so einfach ist das. „Ein kahler Kopf wirkt hässlich. So geht es ihnen, wenn sie nicht beizeiten JAVOL gebrauchen.“ Ich habe heute leider kein Foto für Dich. Die Jugend könnte. Die Jugend will nicht. Die Jugend ist ein Ideal. Dieses Ideal ist visionär. Dieses Ideal ist besessen. Die Gesellschaft hat keine Verwendung für Visionäre, die Gesellschaft hat keine Verwendung für Besessene. Was möchte uns der Autor mit diesem Güllefass an unreflektiertem Pessimismus sagen? Klett Lektürehilfe: Der Autor ist ein frustrierter kleiner Wichser, der es nicht geschafft hat, mit der Herde Schritt zu halten. Der Autor wird sich durch den monetär bedingten Umstieg von Wodka Gorbatschow zu Fürst Uranov Wodka an einem Mittwochabend am Bodensatz der Gesellschaft in Feldforschung ergehen. Kippen sind alle. Der Autor hat eine Vision. Der Autor ist besessen. Der Autor hat nach Auffassung der Obrigkeit seine Jugend verschwendet.

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Ohr ab. Ohne Romantik.

Ohr ab. Ohne Romantik.

Psychische Störungen dürfen nicht romantisiert werden, mahnt die ZEIT, mahnt der WDR, mahnt der SPIEGEL, mahnt das Gemeindeblatt, mahnt der dicke Mann bei Plasberg. Experten wurden da befragt, Experte Herr Dr. psych., Expertin Frau Dr. med. Dr. rer. soc. Ramona Wildenberg-Schnitzlinger, Pagenkopf. Krankheiten, ja Krankheiten sind das und das muss man wahrnehmen, erkennen, akzeptieren muss man das, Zeigefinger, krank muss man sich fühlen, krankgeschrieben gehört man, weil erkrankt, krank zu Hause, krank im Bett, stationär, ambulant, nochmal stationär, wegen der weißen Kittel, damit man auch weiß, dass man krank ist, das darf nicht von ziellosem Leben, von nutzlosem Denken unterbrochen werden, sonst zählt es nicht und nicht vergessen, dass man krank ist. Nackte Wände, nicht ganz weiß, eierschal, auch so eine idiotische Bezeichnung, Hex #EBEBD6, es gibt für alles eine Norm, wofür es keine Norm gibt, existiert nicht, wichtigerweise kein Reinweiß, wischiwaschi, man darf die Kranken nicht mit Extremen belasten, sie könnten abgelenkt werden von ihrem Kranksein. Loriot warnte nicht umsonst vor violetten Sitzgruppen. Das geht auch nicht mehr weg, das bleibt, krank für immer, nicht vergessen. Rezepte Rezepte Rezepte. Noch ein Rezept. Privatrezept. Ein Grünes. Konfetti. Da fühlt man sich gleich besser, angenommen, aufgehoben, in der Krankheit wohlgemerkt. Behandeln, nein: behandeln lassen, wieder ein Fehler, lassen! wichtig. Pillen Pillen Pillen. Das nimmt Ihnen die Tiefen bedeutet das nimmt Ihnen die Höhen bedeutet das nehme ich nicht. Nicht feige sein, sich nicht trösten mit unerhörter Romantisiererei, Kerouac, Balzac, van Gogh, Ohr ab und so, legen Sie den Pinsel weg, nicht über Woody Allen lachen, es schadet dem Prozess des Krankseins, dem Reifungsprozess als Krankheitsinhaber, die Lage ist ernst, Kameraden, vollständige Genesung gibt es nicht, dass man sich das mal klar macht, wo kämen wir denn da hin? Patient. Patient 312, wenn überhaupt, namenlos, ein Nichts im Klinikumhang, Fresse halten, kein Genie, nur Wahnsinn, das wäre ja noch schöner, so kann man nicht gut werden im Kranksein. Streben nach Perfektion, auch hier, die Welt pausiert nicht. Sie verhalten sich nicht lehrbuchgemäß, Sie sind kein Individuum, Sie sind ein handelsüblicher Kranker, nicht vergessen, also halten Sie in Gottes Namen ihr blödes Maul. Die Irren sind nicht an Geräte angeschlossen, man kann ihnen nicht den Stecker ziehen, das kommt erschwerend hinzu. Jesus ist umsonst gestorben, das nebenbei. Tablettenausgabe. Ordentlich frisierte Damen mit ordentlichen weißen Kitteln und ordentlichen Jobs geben ordentlich Tabletten an Unordentliche aus. Eine blaue, eine weiße, wenigstens ästhetisch im Rahmen, ein schönes blau, ins lilagraue tendierend, dezent, nicht zu pompös, das ist wichtig. Mantra: For Carl Solomon for Carl Solomon. I’m with you in Rockland I’m with you in Rockland. Ihr habt Angst vor Denkern. Ihr habt Angst vor den Untoten. Ihr habt Angst um Eure kaputte kleine Weltsicht, ohne die Euch das Einschlafen schwer fällt. Ihr wollt dressierte Affen, wer sich nicht dressieren lässt, fliegt. Sedierung ist das Wort der Stunde. Dämpfen, wegmachen, töten. Kein Rotwein, natürlich nicht, sich unkontrolliert besser fühlen ist für die Normalen, nicht die Kranken, es gibt keinen Grund für Euphorie, Sie befinden sich im falschen Supermarktgang, Andere ziehen die 4000 Mark ein, jetzt in Euro, gehen Sie ins Gefängnis, begeben Sie sich direkt dorthin, gehen Sie nicht über Los. NIEMALS. Noch ein Zeigefinger. Morgengrauen. Stille. Der Himmel grau, die Seele schwarz. Wenn das Romantisieren alles ist, was bleibt, das sich auflösende Foto von David Foster Wallace in den zerkratzten Händen. Wenn das Romatisieren alles ist, was bleibt, um nicht mutterseelenhimmelschreiendalleine zu sein. Wenn das Romantisieren alles ist, was bleibt, um nicht gegen den Baum zu fahren, den da vorne, stünde sowieso ungünstig, sähe nach Unfall aus, ein Versehen, kann ja mal vorkommen. Unbefriedigend. Aus dem Drehbuch gestrichen. Kein Versehen. Kein Opferpack. Diesmal nicht. Hemingway hätte das so nicht gewollt.

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Traktat über die psychologische Relevanz des Dreisatzes

Szenen einer gescheiterten Spezies: Erwachsene Säugetiere diskutieren auf RTL über Wert oder Unwert der Fettwegspritze. „Das Körpergewicht aller Säugetiere nimmt im Verlauf des Lebens zu“ sagt ein schwitzender Mann im Diskussionsrundensessel, den ich fachmännisch als Arschloch einstufe. „Das Körpergewicht aller Säugetiere nimmt im Verlauf des Lebens ab“ hätte er genauso sagen können. Nicht dass es von Bedeutung wäre im Privatfernsehen. Die mit beinhartem Pathos vorgetragene Ausgangsthese derartiger Gesprächsrunden ist erfreulich austauschbar, die geladene Expertenrunde teilt sich grundsätzlich choreographisch sauber in Kopfnicker, den akademisch geweihten Zeigefingerschwenker, aus Rücksicht auf den Nonsensefaktor der Veranstaltung am besten einen von eidgenössischer Neutralität, und den Quotenquerulanten. Gecastet wird die launige Séance nach rein quantitativen Kriterien, „Wir brauchen noch einen Kopfnicker“, hört man die Verantwortlichen in der Planungsphase der abendländischen Abendunterhaltungsdiamanten durch die stinkigen Linoleumflure der Sendeanstalten winseln, „Wir brauchen noch Henryk M. Broder als Ersatz-Quotenquerulanten, falls die Erstbesetzung am Tag der Aufzeichnung überraschend dem Siechtum anheimfällt“. Es gibt blaue Kartoffeln, lerne ich, das finde ich jetzt doch relativ diskussionswürdig. Das schwitzende Arschloch kommentiert den Einspieler einer Fettzellentleerung. Auch das hätte er nicht tun müssen. Der freie Wille ist ein komplexes Phänomen. Es hat mehr oder weniger viel mit chemischen Abläufen und Neurotransmittergedöns zu tun oder eben auch nicht und ist für dieses Dokument zu umfänglich, man erhoffte sich hier leichte Unterhaltung. Ihr könnt ja mal die Herren Schopenhauer und Sartre fragen, falls ihr sie zufällig beim samstäglichen Powershopping trefft.
„Die Fettwegspritze kann ich empfehlen.“
„Die Fettwegspritze können sie empfehlen?“
„Die Fettwegspritze kann ich empfehlen!“
Das Leben ist voller Überraschungen. Dialoge dieser Art werden vom geneigten Sofasitzer zwar auditiv registriert, zwischen all dem Chipsgefresse, Biergesaufe, Sackgekratze und Gerülpse aber in ihrer nihilistischen Qualität nicht erfasst. Stichwort Evolution. Es werden Kalorien von verstörenden Lebensmitteln berechnet, die nicht einmal Garfield freiwillig essen würde. Mitdenken kann manchmal ganz anregend sein und so setze ich zum Zwecke der Kalorienbestimmung meiner Tagesration Ritter Sport Espresso zum klassischen Dreisatz an. Der Dreisatz ist das einzige Rechenverfahren, das ich beherrsche. Ich löste schon in der Schule alle mathematischen Fragestellungen ausnahmslos anhand des Dreisatzes. Ich habe so auch das Abitur bestanden, obwohl es dort Gerüchten zufolge um Integralrechnung ging. An dieser Stelle kleine immanente Systemkritik. Da mir in meiner Eigenschaft als weltfremder Schöngeist die tatsächlichen Anwendungsbereiche des Dreisatzes selbstverständlich nicht geläufig sind, wird das Ergebnis nicht stimmen. Dennoch muss der Dreisatz als Mittel der Wahl betrachtet werden. Die Befriedigung, die ein Mensch erfährt, wenn er eine leicht erlernbare Rechenoperation wie den Dreisatz so beherrscht, dass er in der Lage ist, sei sie nun passend oder nicht, diese bis zum bitteren Ende durchzuführen, kann nämlich nicht durch die unsichere Anwendung anderer, weniger idiotensicherer Verfahren ersetzt werden. Der menschliche Geist strebt danach, Dinge zu vollenden. Das wußte sicher schon Leonardo da Vinci, er sagte es aber niemandem, der Fuchs. Aus psychologischer Sicht ist es daher dringend angeraten, einen Dreisatz mit dem Gefühl innerer Sicherheit, sozusagen im Einklang mit sich und der Zahlenmaterie, zu vollenden, anstatt eine Rechenart anzuwenden, die durch ihre Komplexität schon während des Rechenprozesses eine instabile Gefühlslage begünstigt. Das führt im schlimmsten Fall zu den Selbstzweifeln, von denen SPON dreimal wöchentlich proklamiert, der moderne Arbeitsmensch würde davon ohnehin zeitnah vollständig zerfressen werden. Zur Entlastung der psychologischen Beratungsstellen und gesetzlichen Krankenkassen dieses schönen Landes schlage ich deshalb vor, überhaupt nur noch den Dreisatz in der Schule zu lehren, damit ihn jeder in seiner Freizeit zum Zwecke der Psychohygiene nutzen und so seinen Frustrationslevel im Bereich nicht verschreibungspflichtiger Medikamente halten kann. „Wie schwul sind deutsche Fußballer?“ Ich scheine hier bedauerlicherweise vom Rausch der Zahlen gefesselt den Anschluss verpasst zu haben. Allerdings müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn sich diese an journalistischer Verve nicht zu überbietende Fragestellung nicht mit dem klassischen Dreisatz lösen liesse.

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Dr. Gonzo und Calippo Kirsch oder Herrschaften, lohnt sich das?

Dr. Gonzo und Calippo Kirsch oder Herrschaften, lohnt sich das?

Ich bin zu spät. Das ist immer so. Ich kriege die Kurve verlässlich und präzise um 7 nach 12. Das Internet ist besetzt, gerade die billigen Plätze, die Bevölkerung der westlichen Industrienationen ist genervt von belastenden Mengen an Selbstdarstellung und muss immer neuen Netzwerken beitreten, um dort ein bisschen von ihrer Genervtheit zu erzählen. Ein Teufelskreis. Und doch dränge ich unbarmherzig auf den Markt. Mit einem Blog. Mai 2012. Guten Morgen. Nur bei Google+ war ich, so wie alle anderen auch, schon bevor jeder reinkam, also sogar noch bevor keiner mehr rein wollte. Man wird auf mich herabsehen, man wird Rechtfertigung erwarten. Das ist OK. Es steht mir.

Akademische Qualitätsinstitutionen lehrten mich, am Beginn eines Pamphletzyklus meine Intention zu offenbaren, damit der Leser einzuschätzen vermag, ob sich das Verweilen lohnt. Das erscheint mir durchdacht. Als alter Gonzo-Jünger werde ich hier erbarmungslos Subjektives zu berichten wissen. Es wird hier umständehalber überdurchschnittlich oft um Musik gehen. Das kommt daher, dass ich wichtige Aufgaben meistens nicht erledigen kann, auch nicht am nächsten Tag, da ich einen Großteil meiner Zeit dazu benötige, dem Rock’n'Roll zu huldigen. Ein Blick ins SPON-Forum zeigt ja nun leider auch täglich, dass dieser traurige Planet ansonsten doch recht wenig Sinn ergibt. Um ein Gegengewicht zum schnöden Alltagshorror zu schaffen, wird es hier oft um Dinge gehen, die ästhetisch vollendet, aber ansonsten nutzlos sind. Es wird um unverzichtbare Grundlagenwerke vorzugsweise zugekokster Visionäre gehen, um Jahrhundertalben, um Filme, Fotografie, Farbverdünner und wüste Künstlerklischees, wenn nötig ein wenig Literatur, ich halte mir Hintertürchen offen, ich bin da gewitzt.

Außerdem wird es hier Gelegenheit geben, den Aussteigerphantasien einer nie Eingestiegenen beizuwohnen und emotional Anteil an ihrem gloriös dahinsiechenden Aufstieg zum missverstandenen starving artist zu nehmen, ein taktischer Schachzug meinerseits, der dazu dient, mein Curriculum Vitae mit weiteren unentschuldbaren Lücken aufzupeppen. Psychiatrisches Fachpersonal orakelte bereits aufmunternd mein erneutes Scheitern an der eigenen Persönlichkeitsstruktur herbei, man darf also gespannt sein, eventuell gibt es zeitnah wieder Tote in den Reihen meiner Alter Egos. Gerade für Vertreter der Yellow Press ist das ab 2084 natürlich nicht uninteressant. So werden also auch rezeptpflichtige Medikamente, das Scheitern der Gescheiterten und drängende zeitgenössische Fragen zu ihrem Recht kommen, etwa das Mysterium, was verflucht noch mal in den 90ern mit Calippo Kirsch passiert ist. Ich möchte nicht diese Tropical-Scheiße, der Kenner weiß Bescheid. Ich kann mich kaum beruhigen. Fanta Mango gibt es wieder.

Warum aber möchte ich unbescholtenen Bürgern derartig Aufwühlendes zumuten? Weil ich vermutlich unter all den pathologischen Ängsten im Herzen ein selbstdarstellerischer Tunichtgut bin. Das gilt für viele Menschenkinder und muss mit ein bisschen gutem Willen nicht zwingend negativ ausgelegt werden. Auf Elvis möchte ja auch niemand verzichten. Der Social-Media-Knigge gebietet an dieser Stelle noch eine einleitende Herabwürdigung der Leserschaft, auf deren unqualifiziertes Urteil selbstverständlich keinen Wert gelegt werden darf, wenn man einen gehobenen sozialen Status abseits des Fussvolks anstrebt. Ich möchte der Gefahr jedoch wie so oft ins nackte Antlitz blicken und probeweise verzichten. Tatsächlich schätze ich subjektive Meinungen, untragbare Ansichten und emotionale Zusammenbrüche mehr als mir lieb sein kann, da sie den Anschein erwecken, dass auf der anderen Seite echte Menschen vorhanden sind und bei echten Menschen rast der Puls nunmal, wenn sie Unzumutbares wittern, das macht diesen Aprilscherz der Evolution ja trotz mannigfaltigster Verfehlungen so liebenswert. Adrenalingeschwängerte Kommentare und zusammenhanglose Fragen zur Weltpolitik oder besten Puddingsorte bei EDEKA werden demzufolge vorläufig keine öffentliche Bloßstellung nach sich ziehen, solange sie nicht auf meine Mudda Bezug nehmen. Fühlt euch also wie zuhause, das Plutonium steht in der Küche. Das ist naiv, ich bin neu hier, man möge es mir nachsehen. Profis können nun auch stumm und debil grinsend damit beginnen, die Jahre zu zählen, bis die ohnehin tote, weil antiquierte Kommentarfunktion anlässlich Trolltums deaktiviert wird. Auf der anderen Seite des Bildschirms war ich ja schon immer da, ich weiß Bescheid.

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